Aljoscha Anders Aljoscha Anders

Squenz Kurzgeschichte

Es beginnt alles mit einer Idee.

Ich glaube es war April. Zumindest haben gerade die Kirschbäume mit ihren weiß-pinken Blüten geblüht. Ich war gerade vom Frankfurter Gallusviertel nach Berlin Zehlendorf mit meinen Eltern gezogen. Ich muss ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein, hatte gerade Radiohead entdeckt es als meine lieblingsband deklariert und in Dauerschleife “Let down” über meine Apple-Kabel Kopfhörer gehört. Außerdem sollte ich nach dem Umzug in den Osterferien in die 10b am Humboldt Gymnasium gehen. Mein Papa hatte eine neue Stelle als stellvertretender Direktor oder sowas in der Art bekommen, irgendwas mit mehr Geld, hauptsache mehr Geld hieß es jedenfalls, als wir vier aus der kleinen, Plattenbauwohnung, wo an den Fußboden Rändern schon der Laminatboden abfledderte in die Altbauwohnung mit Fischgräten Dielenboden und großen, weißen, doppel Glasfenstern in die Dachsberger Straße zogen. Zehlendorf ist nicht wirklich Berlin. Also Berlin Berlin. Ich glaube das weiß jeder der mal dort war. Zum Frankfurter Gallus deutschtürken und Kulturwissenschaften-Studis Flair war Berlin entgegen meiner urbanen Hauptstadt Vorstellungen spätestens nach der Ankunft in der Dachsberger Straße 8 ein großer Fail. 
Die Dachsberger Straße ist eine kleine Seitenstraße mit aneinandergereihten Doppelhaushälften, die über zwei weitere Seitenstraßen mit der auch nicht sonderlich großen, aber dann doch größeren Straße, der Hagenstraße, verbunden. Auf unserer Straße spielten sogar Kinder tagsüber. Wir waren also angekommen im Millennial-mittelstands-traum meiner Eltern!
Am Straßen-Kopf bildete eine backstein-rote, in romanischem Stil, mit einem Haushohen Turm und goldenem Ziffernblatt erbaute Kirche das Ende der Dachsberger Straße. Und vor der Kirche stand ein blühender Kirschbaum. 

Der Umzug in den Ferien war eine große Blaupause - wir haben uns von hier nach dort bewegt und erwarteten die Transzendenz unseres bevorstehenden Lebens, die viel schneller kam als erhofft. Montag 8:15, ich wäre am liebsten länger vor der Kirche am Maulbeeren-Platz stehen geblieben, doch ich war etwas spät für den ersten Schultag in der neuen Klasse, der so wichtig war. 
“Guten Morgen Schüler*innen der 10b”, jubilierte die etwas pummelige, mit sommersprossen plus hornbrille auf der Nase tragende Lehrerin, “ich hoffe eure Ferien waren toll. Wie ihr seht”, dabei zeigte sie auf mich, “Flauk ist neu.” 
“Flaut.”, sagte ich zu leise sodass es nur meine Sitznachbarin, die mit Pickeln oder Acne im Gesicht gezeichnet war, verstand und wir uns nur kurz unangenehm, da wir beide zu schüchtern waren den Fehler zu korrigieren und einfach darauf hofften es irgendwann von selbst behoben würde, ansahen. 
“Flausch - äh,”, dabei sah sie auf die Klassenliste, “Ach Mensch das tut mir aber leid. Flaut! Natürlich!  Ist aus Frankfurt,”, sie zeigte immer noch auf mich und gab mir mit schnellen Fingerbewegungen zu verstehen kurz aufzustehen, was ich selbstverständlich kopfschüttelnd und auf die Tafel starrend verneinte, sodass sie obwohl kurz enttäuscht trotzdem nicht entrüstet weitersprach, die Aussprache meines Namens ab dann extra betonend, “Flaut, kommt aus Frankfurt und ich bin mir sicher er findet hier gut Anschluss! Nicht war Flaut?”, womit sie meine Vorstellung abschloss und mit dem gewöhnlichen “ab jetzt müsst ihr aber wirklich lernen und euch anstrengen" Gefasel weitermachte. 
Frau Kloß machte an sich einen souveränen Eindruck obwohl sie sich gelegentlich in ihrer Satzfindung verlor, dabei gab sie meist beide Hände in die Tasche, tippelte mit ihren schwarzen Segelschuhen von Dr. Martens abwechselnd auf den Boden und nach einem kurzem Moment der innerlichen Überlegung, als hätte sie innerlich den Entschluss gefasst ihre eigenen Ansprüche sich sophisticated auszudrücken über den Haufen zu werfen leicht aggressive zu Seufzen und in Umgangssprache ihre Sätze weiter formulierte. Zum Ende der Klassenstunde hatte sie ungefähr sich also fünf mal in dieser Art verzettelt. Nach einem letzten Seufzer der hauptsächlich ihr selbst galt fing sie etwas hysterisch noch die Klasse zurückhaltend an  “Fast hatte ich es vergessen”, das sie mit einem leicht theatralischen Knicks und Handrücken auf der Stirn verstärkte “ Squenz eure Projektgruppe ist noch unterbesetzt, du und Zettel nehmt ihn für das Theater Projekt auf.” 
Squenz eine mit bluejeans, zotteligen blonden schulterlangen Haaren, trotzdem irgendwie hübsches Mädchen schüttelte nur den Kopf und sagte “Ausgeschlossen. Wie soll das denn gehen? Frau Kloß. Ich hab doch schon das ganze Skript fertig und Zettel lernt seinen Part noch.”, dabei sah sie einen Jungen mit baggy Jeans, Ohrringen und kahlrasierten Kopf herausfordernd an, ”dann ists unmöglich das der da noch mit macht. Vorführung ist doch schon in 2 Wochen!” 
“Stimmt, aber das kriegt ihr hin!”, womit Frau Kloß schloss, ihr blau-grün kariertes Klassenbuch zu klappte, ihre Hornbrille nochmal auf die Nase drückte und aus dem Klassenzimmer brauste. 
“Wir treffen uns eigentlich immer Donnerstags”, sagte der laid-back baggy Jeans Junge, der sich dann weiter als Zettel vorstellte. 
“Lass gern mal Nummern austauschen, ich hau gleich nämlich schon ab.”, fügte Zettel hinzu. 
Squenz war sprachlos, ich sah sie mit Schulterzucken an und lächelte.

<<Hey, zu mir können wir Donnerstag nicht. >> Zettel.
<< Damn :/ >> Flaut.
<<Mist, habt ihr nen Plan wo sonst?>> Squenz.
<< St. Michael am Maulbeerplatz, da ist's draußen sehr nice>> Flaut.
<< Wird das Wetter denn ok? >> Zettel.
<< Aber an sich klingt das nice.>> Zettel.
<< Gerade Iphone Wetter gecheckt, 19 Grad und Sonne. Für mich passt St. Michael! >> Zettel.
<< Ja das hab ich auch gesehen, deshalb die Idee. Squenz bist du damit ok?>>, Flaut.
<< Passt! 15 Uhr?>>, Squenz.
<<Top!:)>> Zettel.
<< Yes! >>, Flaut. 

Donnerstag kurz vor 3, die Sonne erfüllte die App-Vorhersage und ich lief, mit den warmen chords und Thom Yorks hoch gepitchten Stimme im Kopf mitsingend zu “Optimistic”, zur Kirche am Maulbeerplatz. Ich war etwas früh und als ich unter der Kirsche ankam sah ich mindestens 2 riesen Ratten auf mich zu creepen, ich erschrak und wollte gerade zurück rennen.
“Die tun dir schon nichts!”, sagte Zettel leger der hinter mir auftauchte und gerade seine bis zum Filter gerauchte Gauloises rot Kippe auf den Boden warf. Ich fand rauchen doof, aber bei ihm hatte es etwas edgy haftes mit echtem chic. 
“Klar weiß ich doch.”, sagte ich cool.
Squenz kam mit blauen, ausgetretenen und mit kleinen glänzenden Sternensticker unter dem Knöchel Ansatz dekorierten Adidas Samba auf uns unter dem Kirschbaum zugelaufen. Ihr mokanter Gesichtsausdruck verriet ihr bürgerliches Elternhaus dass ihr den gesegneten Weg zur gebildeten Künstlerin schenken konnte, zumindest dachte ich das damals, ich hätte mich bei dieser Schlussfolgerung nicht mehr täuschen können. 
“Ist unsere ganze Kompanie beisammen?”, fragte Squenz.
“Es wär am besten, du riefst sie alle Mann für Mann, wie sie eben auf der Liste stehen.”, scherzte Zettel.
“Sehr witzig.”, verteidigte sich Squenz.
“Squenz sag mal, was müssen wir überhaupt machen?”, fragte ich nachdem sich beide nur anglotzten. 
“Wir spielen was vor, benotet.”, sagte Squenz.
“Stimmt doch gar nicht.”, widersprach Zettel mit den Händen in den Taschen nach etwas grabend. 
“Ja also nicht ganz benotet. Aber das Projekt wirkt sich eben gut auf unsere Noten aus.” korrigierte sich Squenz.
“Stimmt. Ich bin deshalb denke ich letztes Jahr überhaupt nur versetzt worden.”, erweiterte Zettel, der die Packung Kippen in seiner blauen Carhartt Bomberjacke gefunden hatte, sich eine weitere mit den Zähnen nahm, die Packung gegen ein pinkes Feuerzeug der Marke BIG tauschte und beiläufig die Kippe anfachte. 
“Ok, was genau sollen wir spielen?”, fragte ich weiter. 
“Ich hab was geschrieben.”, antwortete Squenz. Zettel und ich sahen uns über die nicht vorhandenen Brillenränder amüsiert aber mit zusammengebissenen Lippen an, erfreut über das was gleich folgen würde. Glücklicherweise schaute Squenz gelegentlich beim Sprechen in den Himmel, als würden ihre Worte in den wolken-klaren Blau liegen, sodass sie unseren Blick nicht mitbekam. Sie sprach also mit den Augen im Himmel weiter: “Unser Stück ist die höchst klägliche Komödie.”
“Ah ok”, sagte Zettel voreilig. 
“Ich hab noch gar nicht ausgesprochen! Die höchst klägliche Komödie und der grausame Mord, äh - Tod, des Pyramus und der Thisbe.”
“Was ist ne Thisbe?”, fragte Zettel erstaunt.
“Ein sehr gutes Stück Arbeit. Ich sag’s euch! Und lustig!”, sagte Squenz. 
“Hier setz dich Zettel auf die Bank, da neben dem Baum. Hier ist dein Text und da Flaut, das ist deiner.”
“Der Felsen Schoß
und toller Stoß, 
zerbricht das Schloß, der Kerkertür, 
Und Phöbus Karrn
Kommt angefahrn
Und macht erstarrn 
Des stolzen Schicksals Zier. 
was’n das für'n Scheiß?”, amüsierte sich Zettel.
“Das ist Kultur!”, platzte es aus Squenz. 
“Sorry aber so nen Kram, gar keinen Bock vor der ganzen Klasse vorzuspielen!”, sagte Zettel.
“Come on Zettel. Du hast nur eine Rolle! Du bist, spielst Pyramus.”, schlichtete Squenz.
“Und was machen die?”, fragte Zettel der, weil er seinen Zettel in beiden Händen hielt und trotzdem weiter rauchen wollte ließ er die Kippe im Mund weswegen etwas scharfer Qualm in seine Nase und Augen stieg - es war ausweglos, trotzdem versuchte er Augen Zukneifen und dem hastigen nach seiner Kippe greifen sich vom Qualm zu befreien.
“Deine Rolle. Also hauptsächlich spielst du den Verliebten.”, erklärte Squenz.
“Das wird bestimmt einige Tränen bei seiner Vorstellung geben.”, mutmaßte Zettel mit geschlossenen Augen und leidendem Gesichtsausdruck.
“Und wen spiele ich?”, fragte ich etwas ungeduldig.
“Flaut, du musst die Thisbe über dich nehmen.”, sagte Squenz flink.
“Was ist eine Thisbe?”, fragte ich.
“Es ist das Fräulein, das Pyramus lieben muss.”, klärte mich Squenz mit einem amüsierten Lächeln auf. 
“Ne. Lass mich keine Weiberrolle machen. Ich hab doch schon nen Bart!”, demonstrierte ich. 
“Das ist alles eins. Du kannst es ja dann mit einer Maske spielen und kannst dadurch frei sprechen.”, sagte Squenz.
“Wenn ich das Gesicht verstecken kann. Dann kann ich ja die Thisbe spielen.”, sagte Zettel der wieder an der Kippe zog die Nase in die Luft hob und mit piepsiger Stimme sprach “Mein Pyramus ach ich bims dein crush die verliebte Thisbe.”
“Nein, nein nein! Du musst den Pyramus spielen! Und Flaut die Thisbe. Steht alles auf eurem Skript. Zettel du hast den Text dafür schon seit ner Woche. Ich hab keine Lust das tausendmal weiter zu rehearsen.”, beteuerte Squenz.
“Gut, und ich spiel also Thisbe und den Kessel-Ficker.”, las ich von meinem Blatt.
“Kesselflicker!!”, kicherte Squenz. 
“Ah klar.”, antwortete ich peinlich aber auch lachend aufs Skript schauend.
“Wen spielst du?”, fragte ich Squenz nachdem ich mich auf die grüne Bank neben Zettel saß.
“Ich spiele den Löwen.”, sagte Squenz.
“Was du den Löwen?”, erstaunte sich Zettel, der aufstand seine schwarze, den Jackenkragen zurecht zog und auf pustete, “lass mich den Löwen spielen! Ich will brüllen, dass es den Menschen im Leibe weh tun soll, mich zu hören. Ich will brüllen, dass alle sagen: << Noch mal brüllen! Noch mal brüllen! >>.”
“Wenn du das genau so fürchterlich machen würdest wie du gerade den Löwen spielst, würdest du nur alle erschrecken sodass wir durchfallen.”, sagte Squenz selbstsicher und auf seinen Platz neben mir auf der Bank setzend. Mir fiel auf, dass sie gar nicht nach Chanel No. 5 roch sondern mich erinnerte ihr Geruch eher an eine französische Hügellandschaft voll mit sanften Lavendel. Ich war noch nie dort, doch ich stellte mir vor mit ihr in einem dieser Felder zu liegen und Nachts die Sterne in ihren Augen zu zählen.
“Zugegeben. Wenn ich Frau Kloß erschrecke, dass sie um ihre fünf Sinne kommt, so wird sie unvernünftig sein und mich aufhängen sodass ich nochmal die zehnte wiederholen muss.”, willigte Zettel lächelnd ein, “Ich will aber meine Stimme forcieren, ich brüll so sanft wie ein kleiner Pinguin - ich brüll euch als wär ich ne Nachtigall.”, fiel es ihm ein.
“Du kannst niemand als den Pyramus spielen. Denn Pyramus ist ein Junge mit einem süßen Gesicht, ein hübscher Mann, ein charmanter, cooler Kerl. Deshalb musst du den Pyramus spielen”, sagte Squenz mit roten Wangen. Als sie das sagte war ich erstaunt über ihre Direktheit und innerlich verletzt, dass sie das über Zettel sagte. Ich fragte mich ob die beiden was miteinander hatten.
“Gut ich nehm’s auf mich. In was für nem Kostüm könnt ich wohl am besten spielen?”, gab Zettel sich locker.
“Wie du willst.”, sagte Squenz. 
“Ich könnt ihn machen entweder in dem orange gelben, dem karmesinroten oder dem ganz gelben.”, überlegte Zettel. 
“Okay mir egal. Hauptsache du kannst den Text. Bis morgen lernt bitte eure Rollen auswendig. Wir treffen uns wieder hier an der Maulbeerplatz Kirche. Ich bitt euch, bleibt mir nicht aus.”, sagte sie aufstehend mit den Händen irgendwie in der Luft herumwirbeln als würde sie Glitter in der Luft sortieren. 
“Wir kommen. Ich kann’s dann!”, sagte Zettel der den Arm um Squenz legte und im Gehen an mich noch richtete “Dann bis morgen es mag biegen oder brechen!” 
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